Tag 7, 1. März 2019: Irgendwo bei Storslett – Honnigsvag

Gefahrene Kilometer: 378
Fahrzeit: 8,5 Stunden
Landesgrenzen: keine
Temperatur am Zielort: -9° C

Ich bin etwas in Verzug: Schreiben und Fotografieren in Personalunion, dazu noch Fahren und Eindrücke aufsaugen – die Tage sind einfach viel zu kurz… Deshalb habe ich mir für heute Verstärkung geholt. Der Tagebuch-Eintrag vom 1. März, dem bereits siebten Tag unserer Reise, stammt zum Teil aus der Feder von Tanja.

Die bisher kälteste Nacht auf unserer Tour – konstant um die 7 Grad minus – sollte uns einen Vorgeschmack auf das geben, was uns in den nächsten Tagen temperaturtechnisch bevorsteht. Müde versuchen wir durch die von innen gefrorenen Seitenscheiben der Autos einen Blick nach draußen zu erhaschen. Wir kratzen ein wenig das Eis beiseite, und erkennen schnell, dass wir heute Nacht und den gesamten gestrigen Tag wirklich wahnsinniges Wetterglück gehabt haben. Denn dort, wo vor wenigen Stunden noch die Polarlichter über uns getanzt haben, hat sich nun wieder die graue Wolkendecke breitgemacht und Schnee rieselt leise auf uns herab.
Wir rappeln uns auf, unsere heutige Etappe führt uns bis kurz vors Noprdkap, nach Honnigsvag. Dort erwartet uns ein Wiedersehen mit den anderen Teams in einem örtlichen Pub. Doch auch wenn die Fahrt nach Honnigsvag über genau eine Straße führt – es gibt keine andere -, gestaltet sich der Weg trotz allem kompliziert. Schon in der Nacht haben uns die Meldungen erreicht, dass die Straße aufgrund der Witterung an mehreren Stellen gesperrt und weitere Passsagen nur mittels Sammel-Konvoi passierbar seien. Im Laufe des Tages werde zwar Besserung erwartet, aber wir haben bereits eines gelernt: Das Wetter hier oben ist unberechenbar. Deshalb hoffen wir einfach das Beste und düsen schnell los, um zeitlich nicht vollkommen ins Hintertreffen zu geraten.


Die ersten Kilometer führen uns zurück auf die E6, die wir gestern Abend zum Polarlichterschauen verlassen hatten. Die Straße schlängelt sich zunächst steil bergauf, und innerhalb kürzester Zeit machen wir locker 400 Höhenmeter. Als wir die ersten Pässe entlangfahren, merken wir aber auch schnell, dass uns das Fahren heute einiges abverlangen wird. Zwischenzeitlich hat es sich weiter zugezogen, es schneit wie verrückt und der böige Wind treibt unaufhörlich die Schneewehen auf den Asphalt. Wir schlittern mit unseren Volvos wie auf Kufen um die Kurven – bei Sichtverhältnissen, denen selbst der dichteste Bodenseenebel keine Konkurrenz macht. Keine 30 Meter Straße offenbaren sich vor der Windschutzscheibe, bis auf die Nebelschlussleuchte des Vordermanns als Orientierung avanciert die ganze Sache vor allem für die nachfolgenden Fahrzeuge unseres Klein-Konvois zum Blindflug.


Doch wie auch der Nebel in den heimischen Gefilden sich oft schlagartig bildet und wenige Kilometer weiter genauso schnell wieder verschwindet, ändert sich auch hier in Norwegen das Wetter in Minutenschnelle: Jeder Tunnel, jede Kehre um einen Fjord und jeder Pass bietet eine neue Chance. Und so lichtet sich die Wetterfront nach unserem Tankstopp in Alta mit einem Mal, die Schneewolken lüften ihre Schleier und geben so die Sicht auf fantastisch eisblaue Buchten und leuchtend-weiße Felsen frei, die in allen vorstellbaren Nuancen erstrahlen. So unterbrechen wir unsere Fahrt immer wieder, um die spektakulären Ausblicke auf diese so widersprüchlich karge und doch gigantisch schöne Natur auf Netzhaut, Kameras und Smartphones zu bannen.


Die prächtigen Farbenspiele, gepaart mit spektakulären Wolkenformationen, begleiten uns den Rest unserer Fahrt bis in die dem Nordkap nächstgelegene Stadt. Die Außentemperatur schwankt zwischen -5 und -12° Celsius. Nur im Nordkaptunnel, sieben Kilometer lang, 212 Meter unter dem Meer, schlägt das Thermometer um und misst bis zu 5 Grad über Null – der wärmste Wert des heutigen Tages.


Schließlich erreichen wir Honnigsvag tatsächlich noch bei Tageslicht und erkunden den Ort zunächst zu Fuß bei einem kleinen Spaziergang durch den Schnee. Danach machen sich ein weniog die unterschiedlichen Charaktere im Team bemerkbar: Während sich Barney und Tanja im nahegelegenen Scandic Hotel um eine heiße Dusche bemühen und zu diesem Zweck ein Hotelzimmer kapern, beschäftige ich mich mit dem nächsten Blogbeitrag und der Rest macht sich auf die Suche nach einem Restaurant. Die somit entstandene Aufspaltung ist aber schon bald darauf wieder Vergangenheit: Im Pub, bei mehreren „Eisbjörn“-Bieren zum Schnäppchenpreis von umgerechnet knapp 8 Euro kommen wir uns schnell wieder näher und tauschen uns auch mit den anderen Rallye-Teilnehmern aus. Barney ist von der Atmosphäre offenbar so euphorisiert, dass er bei der attraktiven Bedienung nach dem teuersten Bier des Hauses fragt – und kurz darauf stolz mit einem 0,3-Liter-Schwenkglas wieder an den Tisch zurück kommt. Schlappe 24 Euro hat ihn der etwas trüb wirkende Inhalt gekostet. Man gönnt sich ja sonst nichts…


Draußen auf dem Balkon beginnt derweil wieder die Polarlicht-Show – der gelungene Abschluss eines facettentreichen Tages. Morgen fahren wir mit den anderen Teams im Konvoi ans Nordkap. Dann geht es Richtung Finnland, wo wir irgendwo in Finnisch-Lappland den nächsten Stopp einlegen. Schon eine Woche rum – die Zeit vergeht einfach viel zu schnell…

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